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Augustinus und seine sterbende Mutter

Letztes Gespräch des Hl. Augustinus mit seiner Mutter Monika.

Als nun der Tag herannahte, an dem [meine Mutter Monika] aus diesem Leben scheiden sollte, da traf sich's, wie du [Gott] auf deine geheime Weise es wohl gefügt hast, dass wir beide, ich und sie, allein an ein Fenster gelehnt dastanden. Es schaute auf den inneren Garten unserer Herberge, dort bei Ostia am Tiber [in der Nähe Roms], wo wir fern von Menschen uns von der Mühe der langen Reise erholten und auf die Seefahrt nach Hause vorbereiteten. Da führten wir miteinander Auge in Auge ein erquickendes Gespräch. Vergessend, was dahinten ist, und ausgestreckt zu dem, das da vorne ist, fragten wir uns vor dir, der du die Wahrheit bist, wie wohl das ewige Leben der Heiligen sein wird, das kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und das in keines Menschen Herz gekommen ist. Durstig öffneten wir unseres Herzens Mund für die hoch daherströmenden Wassern deiner Quelle, der Quelle des Lebens, die bei dir ist, damit wir von ihr getränkt werden und das hohe Ziel mit sinnenden Gedanken erreichen.

Nachdem wir uns darüber klar geworden waren, dass fleischliche Sinnenlust, so groß sie auch sein mag und so hell sie auch im Erdenlicht erstrahlen mag, mit den Wonnen jenes Lebens keinen Vergleich aushalten kann, ja nicht einmal der Erwähnung wert sein kann, erhoben wir uns mit heißerem Verlangen zu Gott selbst. Wir durchwanderten von Stufe zu Stufe die ganze Welt und auch den Himmel, von dem Sonne, Mond und Sterne auf die Erde niederscheinen. Bald sannen wir still nach, bald wechselten wir Worte und bewunderten deine Werke, wir stiegen weiter empor und kamen in das Reich unserer Seelen. Auch dieses durchschritten wir und gelangten endlich zu dem Lande unerschöpflicher Fülle. Da ist Leben und Weisheit, jene Weisheit, durch die alles wird. Und da wir von ihr sprachen und nach ihr seufzten, berührten wir sie mit vollem Schlage unseres Herzens, ein kleines wenig.

Monika stirbt.

Du weißt, Herr, dass meine Mutter an jenem Tage, als wir so miteinander redeten und die Welt mit allen ihren Freuden jeglichen Reiz für uns verlor, das Wort ergriff und sagte: <<Mein Sohn, ich habe in diesem Erdenleben an nichts mehr Freude. Was ich hier noch tun und wozu ich hier noch bleiben soll, ich weiß es nicht, denn weltliche Hoffnungen gibt's für mich nun nicht mehr. Das einzige, weswegen ich noch eine Weile leben wollte, war: Ich wollte vor meinem Tode dich gern noch als katholischen Christen sehen. Das hat mir Gott überreichlich gewährt, denn nun sehe ich, du bist sein Knecht [Augustinus wurde Bischof] und hast auch allem Erdenglück entsagt. Was denn soll ich hier noch?>>

Bald darauf, es mochten fünf Tage oder wenig mehr verstrichen sein, erkrankte sie am Fieber. Als sie nun krank dalag, erlitt sie eines Tages einen Ohnmachtsanfall und verlor für kurze Zeit das Bewusstsein. Wir eilten herbei, aber bald kam sie wieder zu sich, sah mich und meinen Bruder dastehen und fragte uns verwundert: <<Wo war ich denn?>> Sodann, als sie bemerkte, dass wir von Schmerz ganz verstört waren, sprach sie: <<Hier müsst ihr nun eure Mutter begraben.>> Ich schwieg und drängte meine Tränen zurück. <<Begrabt meinen Leib, wo es auch sei, und macht euch keine Gedanken darum. Nur um eins bitte ich euch, gedenkt meiner, wo immer ihr euch aufhaltet, am Altar des Herrn.>> Das war der Sinn ihrer mühsam gesprochenen Worte, und nun schwieg sie, und die Krankheit setzte ihr heftiger zu. So wurde denn am 9. Tage ihrer Krankheit, im 56. Jahre ihres Lebens und meinem 33. diese fromme und gläubige Seele von den Banden des Leibes erlöst.

Augustinus trauert

Ich drückte ihr die Augen zu, und unsägliche Trauer brach über mein Herz herein. Doch wir waren der Meinung, eine Trauerfeier mit tränenreichem Klagen und Seufzen gehöre sich für diese Tote nicht. Jammert man doch, wenn man den Tod für etwas Trauriges und wohl gar für völlige Vernichtung hält. Meine Mutter aber starb keinen traurigen Tod, ja, sie war überhaupt nicht gestorben. Das bezeugte ihr frommer Lebenswandel, und daran hielten wir fest.

Was also war's, was mich innerlich so heftig schmerzte? Dass die Gewohnheit süß‑vertrauten Zusammenlebens so plötzlich abriss, diese frische Wunde war's. Wohl freute ich mich ihres Zeugnisses, weil sie noch auf ihrem Totenbette meinen willigen Gehorsam gelobt hat, mich ihren treuen Sohn genannt und in zärtlicher Liebeswallung versichert hatte, nie habe sie aus meinem Munde einen hässlichen Anwurf oder ein kränkendes Wort vernommen. Wie könnte ich die Ehrerbietung, die ich ihr entgegengebracht habe, vergleichen mit dem Magddienst, den sie mir erwiesen hat? [Monika war seine Mutter und hat ihn später durch ihre Gebete und Tränen zur Bekehrung gebracht] Weil ich nun ihren großen Trost entbehren musste, war meine Seele wund und mein Leben gleichsam zerrissen, da es mit dem ihren zu einer Einheit verschmolzen gewesen war.

Mit dem ganzen Hause fielen wir ein. <<Von Barmherzigkeit und Gericht will ich, Herr, dir singen.>> Auf die Kunde von dem Geschehenen waren noch viele Brüder und fromme Frauen zusammengekommen, und während die, welchen das oblag, in üblicher Weise für die Bestattung sorgten, begab ich mich mit denen, die mich jetzt nicht allein lassen wollten, abseits an einen geeigneten Ort, wo ich mich mit ihnen über die durch das Erlebte angeregten Fragen aussprechen konnte. So linderte ich durch den Balsam der Wahrheit meine dir allein bekannte Seelenqual, während sie mir gespannt zuhörten und meinten, ich fühlte den Schmerz schon nicht mehr.

Den ganzen Tag bedrückte mich insgeheim schwere Trauer, und verstörten Geistes betete ich, so gut ich konnte, zu dir, du mögest meinen Schmerz heilen. Doch du tatest es nicht, wohl deshalb, um meinem Gedächtnis durch dies eine Beispiel einzuprägen, wie fest die Gewohnheitsfessel auch einen Geist noch bindet, der bereits von dem untrüglichen Worte genährt wird. Es geschah allmählich, dass ich mit der früheren Empfindung an deine Magd denken konnte, ihren frommen Wandel vor dir und wie sie zu uns so überaus gütig und dienstbereit gewesen und ich dessen nun plötzlich beraubt war. Da tat es mir wohl, vor dir zu weinen, um sie und für sie, um mich und für mich. Ich ließ den Tränen, die ich zurückgehalten, freien Lauf. Mochten sie fließen, soviel sie wollten. Ich bettete mein Herz hinein und fand Ruhe in ihnen. Denn du allein hörtest mich, kein Mensch.

Augustinus betet für seine verstorbene Mutter und gedenkt ihrer.

Nun aber, wo mein Herz von jener Wunde geheilt ist, vergieße ich vor dir, unser Gott, für deine Dienerin ganz andere Tränen. Ich bin im Geist erschüttert und weine, wenn ich die Gefahren bedenke, die jeder Seele drohen, die nicht in Christus stirbt. Denn meine Mutter war schon, ehe sie von den Banden des Fleisches gelöst war, in Christus zum Leben erweckt und hatte so gelebt, dass durch ihren Glauben und Wandel dein Name gepriesen wurde, doch wage ich nicht zu sagen, dass, seit du sie durch die Taufe wiedergeboren hast, kein Wort wider dein Gebot ihrem Munde entfahren sei. Doch weil du nicht mit strengen Blicken auf unsere Sünden siehst, hoffen wir vertrauensvoll, bei dir ein Plätzchen zu finden. Wer aber wahre Verdienste dir aufzählen kann, was zählt er anders als deine Gaben? O, dass doch alle Menschen wüssten, dass sie Menschen sind, und wer sich rühmen will, er rühme sich im Herrn!

So lass mich denn, du mein Leben, Gott meines Herzens, ihre guten Werke, für die ich froh dir Dank sage, ein wenig vergessen, und nun zu dir flehen für die Sünden meiner Mutter. Erhöre mich um des Arztes unserer Wunden [ = Jesus] willen, der am Holz hing und nun zu deiner Rechten sitzt und uns vertritt. Ich weiß, dass meine Mutter Barmherzigkeit geübt hat und von Herzen willig war, ihren Schuldnern die Schuld zu erlassen. Erlass auch du ihre Schulden, die sich in all den Jahren nach dem heilspendenden Wasserbade [ = Taufe] angesammelt. Erlass sie, Herr, erlass sie, ich bitte dich inständig, und geh nicht mit ihr ins Gericht. Möge die Barmherzigkeit triumphieren über das Gericht, denn deine Worte sind wahr, und du hast, Barmherzigkeit verheißen den Barmherzigen. Ich glaube, du hast es schon getan, was ich von dir erbitte. Dir möge das willige Opfer meines Mundes [ = Gebet] gefallen. Denn als der Tag ihrer Auflösung [ = Tod] herannahte, verlangte sie nur danach, dass man an deinem Altar ihrer gedenkt, denn dem Altar diente sie ohne Unterlass täglich. Sie wusste ja, dass dort das heilige Opfer dargebracht wird. Durch dieses Opfer wird der Feind überwunden. Dieser rechnet unsere Sünden uns vor und sucht, wie er uns verklagen kann. An Christus aber findet er nichts und in Christus siegen auch wir. Wer gibt ihm, sein unschuldig vergossenes Blut wieder? Wer zahlt ihm das Lösegeld zurück, womit er uns freigekauft und von der Macht des Feindes befreit hat? Deine Dienerin hatte ihre Seele mit dem Sakrament dieser unserer Erlösung [ = Eucharistie, hl. Kommunion] durch das Band des Glaubens verbunden. Niemand wird sie deinem Schutz entreißen. Sie wird nicht erwidern, sie habe keine Schuld; sonst freilich würde sie der schlaue Ankläger überführen und überwältigen. Sondern sie wird erwidern, ihre Schuld sei von Jesus erlassen. So ruhe sie denn in Frieden mit ihrem Gatten, dem ersten und einzigen, dem sie vermählt war, in dessen Dienst sie dir Frucht gebracht in Geduld, so dass sie auch ihn für dich gewann. Diese beiden waren meine Eltern in diesem vergänglichen Licht [ = auf Erden] und nun sind sie meine Brüder unter deiner väterlichen Obhut und meine Mitbürger im ewigen Jerusalem [ = Himmel].

[verkürzt und übertragen, aus den Bekenntnissen des Augustins IX. Buch]

 

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