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Sterben der Hl. Theresia von Lisieux
Man
hat übrigens dargelegt, dass, wenn auch der von Robert Koch entdeckte Bazillus
die notwendige Voraussetzung der Tuberkulose ist, es doch Faktoren gab, die sie
auslasten, besonders der Mangel an mütterlicher Sorge. Das muss es gewesen
sein, ungeachtet sämtlicher Leiden, die Theresia erduldet hat. Gewiss lebte sie
in einer beschützten Umgebung, wie es auch keine Geldprobleme gegeben hat. Dafür
aber andere Ängste. Sie verliert sehr früh ihre Mutter. Ihre zweiten Mütter,
Pauline und Marie, verlassen sie, um ins Kloster zu gehen. Ihr Vater verfällt
dem Wahnsinn, er muss in eine Anstalt gebracht werden und erliegt einer langen
Geisteskrankheit. Nachdem Theresia selbst ins Kloster eingetreten ist, muss sie
sich von der Priorin, Mutter Marie de Gonzague, abkanzeln und durch die zweite
Priorin, ihre eigene Schwester Pauline, einkleiden lassen. Sie erlebt eine
ungeheure innere Erschütterung durch die gnadenlosen Streitigkeiten, die sich
ihre beiden »Mütter«, die Priorinnen, liefern. Ja, das junge Mädchen von 23
Jahren erlebt an sich selbst den hartherzigen und kaltblütigen Kampf der Welt
von heute und ihre furchtbare Unmenschlichkeit. Es ist nicht übertrieben, ihre
Leiden mit denen aller Ausgestoßenen, aller im Konzentrationslager Gefangenen,
aller Verachteten des 20. Jahrhunderts zu vergleichen. Daran kann man krank
werden, daran sterben.
[...]
sie wiederholte: »Oh! Man muss für die Sterbenden beten! Wenn Sie wüssten!«
Sie stellt übrigens die Verbindung her zwischen den beiden Agonien: » Ich
glaube, dass der Teufel den lieben Gott um die Erlaubnis gebeten hat, mich durch
ein grausames Leiden zu versuchen, damit ich es an Geduld und Glauben fehlen
lasse!« Am
28. Juli deutet sie durch das Fenster auf eine Stelle unter den Kastanienbäumen,
wo es völlig dunkel ist: »Schauen Sie, da unten das schwarze Loch, wo man
nichts unterscheiden kann; in einem Loch wie diesem stecke ich mit Seele und
Leib, Oh, welche Finsternis! Aber ich bin dort im Frieden!« Die
letzten Wochen sind völlige Finsternis: »Wenn Sie wüssten!« sagt sie drei
Monate vor ihrem Tod zu Schwester Agnes: »Es sind die Überlegungen der
schlimmsten Materialisten, die sich meinem Geist aufdrängen.« Auf eine Frage
von Mutter Agnes, aus der hervorgeht, dass sie Theresia ähnlich den Heiligen
sterben sehen möchte: »Sie haben also keine Intuition, an welchem Tag Sie
sterben werden?«, antwortet sie sechs Tage vor ihrem Tod: »Intuitionen! Wenn
Sie wüssten, in welcher Armut ich stecke!« Die beiden »Wenn Sie wüssten« am
Anfang und am Ende dieser zwölf Wochen entsprechen sich. Die Umgebung wusste
nichts. Theresia stirbt arm und allein. Allein
vor dein Herrn in der Nacht, aber auch allein in ihrem Kloster. Wir haben
gesehen, dass die Klosterfrauen - Mutter Marie de Gonzague an der Spitze - nicht
verstehen, was Theresia zutiefst in ihrem Herzen durchmacht, dass auch ihre
beiden Schwestern, Marie und Agnes, weit davon entfernt sind, sie zu verstehen.
Bleibt noch Céline Nun ist es aber eine entscheidende Tatsache, dass Céline lm
Verlauf von Theresias
Krankheit ihre Haltung ändert. Sie, die zunächst, als Theresia in den
Krankentrakt kam, so zuvorkommend gewesen war, wird schlagartig gehässig gegen
Theresia. Obwohl sie ihre Krankenschwester ist, vernachlässigt sie ihre
Betreuung, reinigt sie nicht und scheut nicht einmal vor einem Wortspiel wie
diesem zurück: »Hier riecht es nicht gerade nach Rosen.«
Am
29. sagt sie zu Mutter Marie de Gonzague: »Meine Mutter, ist das der
Todeskampf? Wie werde ich nur sterben können? Nie werde ich es fertig bringen!
« »Wann werde ich ganz erstickt sein?« Gegen sechs Uhr abends kriecht eine Mücke
in ihren Ärmel, man will sie entfernen: »Lassen Sie nur, das macht nichts.« -
»Aber doch, sie wird Sie stechen.« - »Nein, lassen Sie, lassen Sie, ich sage
Ihnen, dass ich dieses Tierchen kenne.« Am
30. sagt Theresia: »Ich bereue nicht, mich der Liebe ausgeliefert zu haben ...
Nein, ich bereue es nicht, im Gegenteil.« Gegen
fünf Uhr nachmittags beginnt sie zu röcheln. Das Gesicht ist hochgerötet, Hände
und Füße sind eiskalt, sie zittert vor Kälte. Große Schweißtropfen rinnen
von ihrer Stirn. Sie ist immer mehr beengt und stoßt von Zeit zu Zeit kleine
Schreie aus. Einige Minuten nach sieben Uhr sucht sie die Augen Célines,<
die die Bedeutung dieses Blickes versteht. Dann heftet sie ihre Augen auf jene,
die sie ihren »sichtbaren Jesus« nannte: die Priorin. Schließlich betrachtet
sie das Kreuz und sagt: »Ich ... liebe ... dich!«, neigt den Kopf zur Rechten
und stirbt. Es
war Abend, ein Septemberabend. Regen fiel über Lisieux. Dann wurde der Himmel
mit einemmal ruhig und heiter. [Six, J.F. Theresia von Lisieux (Herder 1979) S. 89-93] |