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Sterben der Hl. Theresia von Lisieux

Die drei letzten Monate im Leben Theresias sind Monate unerträglichen Leidens; die Tuberkulose bemächtigt sich dieses starken Organismus, Theresia erstickt nach und nach. Sie wird von dieser Krankheit befallen, die im 19. ,Jahrhundert die Krankheit der Armen, der Rand­existenzen, der Dichter und Künstler ist. Ein Elend, das man bald schamhaft oder aufgeregt verschweigt, bald romantisch zur Schau stellt, wird die Tuberkulose von den Vertretern der mittleren Klassen, kräftigen Bürgern und Bauern, als etwas Ungesundes betrachtet, gegen das man einen heftigen Widerwillen empfindet. Man kann deshalb verstehen, dass weder der Arzt noch die Priorin, noch die Familie Gutirin von dieser Krankheit etwas hören wollten. Die Reaktion Marie Guérins die ihren Verwandten noch am 8. Juli 1897 versichert, »es ist nicht Tuberkulose«, ist symptomatisch. Es könnte erklären, dass man 17 Monate lang (Ostern 1896 bis Juli 1897) davor zurückschreckte, eine richtige Diagnose zu stellen.

Man hat übrigens dargelegt, dass, wenn auch der von Robert Koch entdeckte Bazillus die notwendige Voraussetzung der Tuberkulose ist, es doch Faktoren gab, die sie auslasten, besonders der Mangel an mütterlicher Sorge. Das muss es gewesen sein, ungeachtet sämtlicher Leiden, die Theresia erduldet hat. Gewiss lebte sie in einer beschützten Umgebung, wie es auch keine Geldprobleme gegeben hat. Dafür aber andere Ängste. Sie verliert sehr früh ihre Mutter. Ihre zweiten Mütter, Pauline und Marie, verlassen sie, um ins Kloster zu gehen. Ihr Vater verfällt dem Wahnsinn, er muss in eine Anstalt gebracht werden und erliegt einer langen Geisteskrankheit. Nachdem Theresia selbst ins Kloster eingetreten ist, muss sie sich von der Priorin, Mutter Marie de Gonzague, abkanzeln und durch die zweite Priorin, ihre eigene Schwester Pauline, einkleiden lassen. Sie erlebt eine ungeheure innere Erschütterung durch die gnadenlosen Streitigkeiten, die sich ihre beiden »Mütter«, die Priorinnen, liefern. Ja, das junge Mädchen von 23 Jahren erlebt an sich selbst den hartherzigen und kaltblütigen Kampf der Welt von heute und ihre furchtbare Unmenschlichkeit. Es ist nicht übertrieben, ihre Leiden mit denen aller Ausgestoßenen, aller im Konzentrationslager Gefangenen, aller Verachteten des 20. Jahrhunderts zu vergleichen. Daran kann man krank werden, daran sterben.

Mutter Marie de Gonzague und Mutter Agnes haben keine Ahnung von der Glaubensprüfung, von der finsteren Nacht, in die Theresia in ihren letzten Monaten verstoßen ist. Bis zum äußersten ist Theresia allein, sich selbst, ihrer Armut überlassen. Es ist eine wahre Agonie, ähnlich der des Herrn. Symbol dafür ist folgendes. Nach einem sehr heftigen Anfall übernehmen ihre drei Schwestern die Nachtwache. Sie schlafen alle drei ein, und als sie aufwachen, zeigt Theresia lachend mit dem Finger auf eine nach der andern: »Petrus, Jakobus und Johannes.«

[...] sie wiederholte: »Oh! Man muss für die Sterbenden beten! Wenn Sie wüssten!« Sie stellt übrigens die Verbindung her zwischen den beiden Agonien: » Ich glaube, dass der Teufel den lieben Gott um die Erlaubnis gebeten hat, mich durch ein grausames Leiden zu versuchen, damit ich es an Geduld und Glauben fehlen lasse!«

Am 28. Juli deutet sie durch das Fenster auf eine Stelle unter den Kastanienbäumen, wo es völlig dunkel ist: »Schauen Sie, da unten das schwarze Loch, wo man nichts unterscheiden kann; in einem Loch wie diesem stecke ich mit Seele und Leib, Oh, welche Finsternis! Aber ich bin dort im Frieden!«

Die letzten Wochen sind völlige Finsternis: »Wenn Sie wüssten!« sagt sie drei Monate vor ihrem Tod zu Schwester Agnes: »Es sind die Überlegungen der schlimmsten Materialisten, die sich meinem Geist aufdrängen.« Auf eine Frage von Mutter Agnes, aus der hervorgeht, dass sie Theresia ähnlich den Heiligen sterben sehen möchte: »Sie haben also keine Intuition, an welchem Tag Sie sterben werden?«, antwortet sie sechs Tage vor ihrem Tod: »Intuitionen! Wenn Sie wüssten, in welcher Armut ich stecke!« Die beiden »Wenn Sie wüssten« am Anfang und am Ende dieser zwölf Wochen entsprechen sich. Die Umgebung wusste nichts. Theresia stirbt arm und allein.

Allein vor dein Herrn in der Nacht, aber auch allein in ihrem Kloster. Wir haben gesehen, dass die Klosterfrauen - Mutter Marie de Gonzague an der Spitze - nicht verstehen, was Theresia zutiefst in ihrem Herzen durchmacht, dass auch ihre beiden Schwestern, Marie und Agnes, weit davon entfernt sind, sie zu verstehen. Bleibt noch Céline Nun ist es aber eine entscheidende Tatsache, dass Céline lm Verlauf von

Theresias Krankheit ihre Haltung ändert. Sie, die zunächst, als Theresia in den Krankentrakt kam, so zuvorkommend gewesen war, wird schlagartig gehässig gegen Theresia. Obwohl sie ihre Krankenschwester ist, vernachlässigt sie ihre Betreuung, reinigt sie nicht und scheut nicht einmal vor einem Wortspiel wie diesem zurück: »Hier riecht es nicht gerade nach Rosen.«

Leonie hatte Theresia am 2. Juli ein letztes Mal im Sprechzimmer besucht: sie war in Tränen ausgebrochen. Theresia, schon erschöpft, hatte sie getröstet, so gut sie konnte. Leonie läutet oft an der Pforte und erkundigt sich nach dem neuesten Stand. Alle ihre Schwestern sind im Karmel, mir sie ist draußen, gleichsam ausgeschlossen. Sie ist verwirrt durch den ständigen Wechsel von »besser« und »in den letzten Zügen«. Sie ist einsam. Sie schickt Theresia alles, was ihr Freude machen könnte: Trauben, ein Körbchen voll Bonbons, Kuchen, Blumen. [...]

Am 29. sagt sie zu Mutter Marie de Gonzague: »Meine Mutter, ist das der Todeskampf? Wie werde ich nur sterben können? Nie werde ich es fertig bringen! « »Wann werde ich ganz erstickt sein?« Gegen sechs Uhr abends kriecht eine Mücke in ihren Ärmel, man will sie entfernen: »Lassen Sie nur, das macht nichts.« - »Aber doch, sie wird Sie stechen.« - »Nein, lassen Sie, lassen Sie, ich sage Ihnen, dass ich dieses Tierchen kenne.«

Am 30. sagt Theresia: »Ich bereue nicht, mich der Liebe ausgeliefert zu haben ... Nein, ich bereue es nicht, im Gegenteil.«

Gegen fünf Uhr nachmittags beginnt sie zu röcheln. Das Gesicht ist hochgerötet, Hände und Füße sind eiskalt, sie zittert vor Kälte. Große Schweißtropfen rinnen von ihrer Stirn. Sie ist immer mehr beengt und stoßt von Zeit zu Zeit kleine Schreie aus. Einige Minuten nach sieben Uhr sucht sie die Augen Célines,< die die Bedeutung dieses Blickes versteht. Dann heftet sie ihre Augen auf jene, die sie ihren »sichtbaren Jesus« nannte: die Priorin. Schließlich betrachtet sie das Kreuz und sagt: »Ich ... liebe ... dich!«, neigt den Kopf zur Rechten und stirbt.

Es war Abend, ein Septemberabend. Regen fiel über Lisieux. Dann wurde der Himmel mit einemmal ruhig und heiter.

[Six, J.F. Theresia von Lisieux (Herder 1979) S. 89-93]

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