Wie Franziskus starb
Die Wundmale des Hl. Franziskus
Zwei
Jahre, bevor der heilige Franz seine Seele dem Himmel zurückgab - er weilte
damals in der Einsiedelei auf dem Alverner Berg hatte er eine Vision
(September 1224). Er sah er einen Mann über sich schweben. Der hatte gleich
einem Seraph sechs Flügel und war mit ausgespannten Händen und aneinandergelegten
Füßen ans Kreuz geheftet. Zwei Flügel erhoben sich über seinem Haupt, zwei
waren wie zum Fluge gespannt, und zwei bedeckten den ganzen Leib. Als der
selige Franziskus dies schaute, wurde er von tiefem Staunen ergriffen, konnte
sich aber nicht erklären, was diese Erscheinung bedeuten solle. Wohl durchströmte
ihn Freude, und noch tiefer beseligte ihn der gütige, liebreiche Blick, womit
der unbeschreiblich schöne Seraph [Engel] ihn anschaute, aber dass er ihn ans
Kreuz geheftet sah, bitterlich leidend, erfüllte ihn mit Entsetzen. Als er
schließlich aufstand, war er traurig und glücklich zugleich; Freude und
Schmerz wechselten einander ab. Verstört dachte er darüber nach, was diese
Erscheinung wohl bedeuten könne, und es ängstigte ihn, dass er den Sinn gar
nicht begreifen konnte. Und während er noch voller Ratlosigkeit über das Ganze
war und das Neuartige des Gesichtes ihm sehr zu schaffen machte, begannen auf
einmal an seinen Händen und Füßen die Spuren von Wunden sichtbar zu werden,
wie er sie soeben erst an dem gekreuzigten Mann über sich gesehen hatte.
Seine
eigenen Hände und Füße schienen in der Mitte von Nägeln durchbohrt zu sein,
und zwar erschienen innen an den Händen und oben auf den Füßen die Spuren der
Nagelköpfe, während die Nagelspitzen sich an der Gegenseite zeigten. An der
Innenseite der Hände nämlich waren die Male rund, außen waren sie länglich,
wobei ein Stückchen Fleisch buckelartig vorstand, als ob da die Spitze der Nägel
umgebogen und umgeschlagen sei. Ebenso waren die Male der Nägel auch den Füßen
eingeprägt mit einer ähnlichen Ausbuchtung an der Stelle der Nagelspitzen. Die
rechte Seite war wie von einem Lanzenstich durchbohrt und zeigte eine vernarbte
Wunde. Aus ihr floss öfters Blut heraus so viel, dass nicht selten Kutte und
Beinkleider von Blut getränkt waren. Rufin, ein
Mitbruder hatte einmal die Brust des seligen Franziskus einzureiben,
wobei seine Hand ausglitt und jene kostbare Wunde auf der rechten Seite berührte.
Der Heilige fuhr vor Schmerz nicht wenig zusammen und stieß die Hand von sich
weg und schrie laut auf. Mit Eifer und Bedacht verbarg er die Wundmale vor
anderen. Auch vor seinen nächsten Freunden verheimlichte er sie, so dass sogar
Brüder, die immer an seiner Seite waren, und auch seine ergebensten Jünger
lange Zeit nichts davon wussten.
Wie Franziskus starb
Der Tod lässt das Innere des
Menschen offenkundig werden, sagt der Weise (Sir 11, 29). Herrlich hat sich der
Spruch an diesem Heiligen bewahrheitet. Als er von jener schweren Krankheit
schon gänz
lich
aufgerieben war, die ihn von aller Hinfälligkeit erlösen sollte, ließ er sich
nackt auf den nackten Boden legen. Dies war es war der Abend des 1. Oktobers
1226. In seiner letzten Stunde, da der Versucher noch einmal einen letzten
Ansturm machen könnte, wollte er »nackt mit dem Nackten kämpfen«. Dabei war
er furchtlos des Sieges gewiss, und mit gefalteten Händen nahm er die Krone der
Gerechtigkeit entgegen.
Dann während er so auf dem
Boden lag, blickte er, wie gewohnt, zum Himmel auf - ganz versunken in dessen
erwartete Herrlichkeit; und mit der Linken die Seitenwunde bedeckend, damit
niemand sie sehe, sprach er zu den Brüdern »Ich habe das Meine getan. Was ihr
zu tun habt, möge Christus euch lehren.« Den Brüdern stürzten bei diesem
Anblick die Tränen aus den Augen, schwere Seufzer kamen ihnen hoch vor Schmerz
und Mitleid.
[vgl. Thomas von Celano Zweite Lebensbeschreibung
Sartory G. und T. Franz von Assisi Geliebte Armut (Freiburg i. Br. 1977)
S.122-125)]
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